5/5

Mahmoud (BASSEM SAMRA) ist einer der Reiter, die an jenem schicksalsträchtigen 2. Februar 2011, aufgehetzt von Mubaraks Regime, auf dem Tahrir-Platz die jungen Revolutionäre angreifen. Als er von der aufgebrachten Menge geschlagen und gedemütigt wird und in Folgen dessen seinen Job verliert, schwindet bei Mahmoud und seiner Familie die Hoffnung. Zudem wird er in seiner Nachbarschaft in der Nähe der Pyramiden als Verräter der Revolution geächtet.

Doch dann lernt er Reem (MENNA SHALABI) kennen, eine junge, moderne Ägypterin, die kurz vor ihrer Scheidung steht und in der Werbebranche arbeitet. Sie ist eine Revolutionärin, die für die Rechte der Frauen eintritt und in einer wohlhabenden Gegend in Kairo wohnt. Dass Mahmoud und Reem sich kennenlernen und anfreunden, gleicht einem Wunder, und wird das Leben der beiden von Grund auf verändern

Nach der Revolution [dt./OV]
Nach der Revolution [dt./OV]
Verfügbar über Amazon Video
Nach der Revolution [dt./OV]
Nach der Revolution [dt./OV]
Verfügbar über Amazon Video

Der Film

 

Über die Produktion

Vor dem Hintergrund einer unmöglichen Liebesgeschichte zwischen einer modernen Revolutionärin und einem mittellosen Reiter aus Nazlet El-Samman hält der preisgekrönte ägyptische Regisseur Yousry Nasrallah die beispiellosen politischen Ereignisse, die sein Heimatland im letzten Jahr erschütterten, in beeindruckenden Bildern fest. Er war Schüler des 2008 verstorbenen Youssef Chahine, der 1997 die Goldene Palme für sein Lebenswerk erhielt. Nasrallah mischt in NACH DER REVOLUTION Spielfilmszenen mit dokumentarischem Material, das auf dem zum Symbol der Freiheit erhobenen Tahrir-Platz entstand und erreicht so ein Höchstmaß an Authentizität und Eindringlichkeit. Gleichzeitig liefert sein Film, der zeitlich zwischen dem 2. Februar 2011 („Die Schlacht der Kamele“) und dem 9. Oktober 2011 („Der schwarze Sonntag“) angesiedelt ist, einen wichtigen Beitrag zur filmischen Aufarbeitung der Revolution. Nasrallahs mitreißendes Polit-Drama, das gleichzeitig auch eine „Amour fou“ erzählt, greift alle wichtigen Themen, die das ägyptische Volk derzeit beschäftigt, auf: Gewalt an Schulen und in der Familie, Armut und Arbeitslosigkeit, Klassenunterschiede, Frauenrechte oder Korruption. NACH DER REVOLUTION ist mit Ägyptens vielversprechender Schauspielerin Menna Shalabi (aus Youssef Chahines CHAOS) und Bassem Samra, der für Nasrallahs EL MEDINA – DIE STADT auf dem Filmfest in Karthago den Preis als „Bester Schauspieler“ erhielt, herausragend besetzt. Seine Weltpremiere erlebte das Werk, das im Original BAAD EL MAWKEAA heißt, im Wettbewerbsprogramm der 65. Filmfestspiele von Cannes 2012 und war dort für die „Goldene Palme“ nominiert. Die deutsche Erstaufführung fand auf dem 20. Filmfest in Hamburg hat. 

Interview mit Politologe Hamed Abdel-Samad

Was waren Ihre ersten Eindrücke nachdem Sie NACH DER REVOLUTION gesehen haben?
Es wurden sofort Erinnerungen wach. Der Film beginnt mit einer Szene, die ich auf dem Tahrir-Platz mit eigenen Augen miterlebt habe, nämlich der Angriff der Kamel- und Pferdereiter. Ich hatte auch selbst die Gelegenheit, mit einem dieser Reiter zu sprechen. Er wurde von einigen Aktivisten festgenommen und landete bei meinem Verleger, der auch auf dem Tahrir-Platz sein Büro hat. Ich habe ihn gefragt, warum er hier hergekommen ist. Und er bestätigte das, was auch im Film zu sehen ist. Die Menschen, die am Fuße der Pyramiden wohnen, sind nicht politisch. Sie leben von einem Tag auf den anderen. Und wenn die Touristen nicht kommen, dann haben sie nichts zu essen, und können sich kein Futter für ihre Pferde und Kamele leisten.

Was haben die Reiter in dieser Situation getan?
Sie sind zu dem Parlamentsabgeordneten ihrer Region, der natürlich auch zur Partei von Mubarak gehört, gegangen. Und dort hieß es: „Geht auf den Tahrir-Platz und demonstriert für den Präsidenten, damit er für Euch eine Lösung findet.“  Meinem Gesprächspartner erging es wie dem Hauptdarsteller von NACH DER REVOLUTION. Als ungebildeter, unpolitischer Mensch wird er da in etwas hineingezogen, er wird auch geschlagen, sein Bruder schwer verletzt. So kam es, dass sie als Feinde der Revolution bestraft wurden, nicht aber die wirklichen Drahtzieher, die später freigesprochen wurden, weil wir uns natürlich immer noch im gleichen Justizsystem befinden, in dem Beweise vertuscht und vernichtet werden.

Bedeutet das, dass NACH DER REVOLUTION ein Höchstmaß an Authentizität besitzt?
Absolut. In dem Film gibt es einige Situationen, bei denen ich Gänsehaut bekommen habe. NACH DER REVOLUTION beginnt ja mit einer Schlacht und endet mit einer solchen. Beide kenne ich, die erste als Kamelschlacht und die letzte als Schwarzer Sonntag, das Massaker gegen die Kopten. Hier entwickelt der Film einen sehr interessanten Gedanken: Derjenige, der zunächst ein Feind der Revolution war, hat nun das Lager gewechselt und ruft in der Demonstration vom 9. Oktober mit den Kopten für die Ziele der Revolution. Auch so etwas gibt es, das habe ich selbst erlebt: Menschen hatten im Staatsfernsehen davon gehört, dass wir vom Tahrir-Platz Agenten des Westens seien und wir Sexorgien in den Zelten feiern und Alkohol und Drogen konsumieren würden.

Wie wurden diese Anschuldigungen dann entkräftet?
Einige von ihnen sind gekommen, um sich von dieser Dekadenz ein Bild zu machen. Während den Diskussionen entwickelten sie dann Sympathien für die Sache. Plötzlich haben sie verstanden, warum die Menschen hier demonstriert haben. Und dass man dies nicht nur für sich selbst, sondern für die gesamte Bevölkerung getan hat.

Auf der anderen Seite gibt es viele, die am Anfang für die Revolution waren, sich jetzt dagegen wenden, weil sie keine Veränderung in ihrem Leben sehen. Im Gegenteil, es kommt eher zu einer Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation. Deshalb fragen sich viele Menschen zu recht: Was hat mir diese Revolution gebracht? Auch davon handelt der Film. Er interpretiert die Revolution aus unterschiedlichen Perspektiven. Es gab früher einige Dokumentarfilme, die immer versucht haben, die Seite der Revolutionäre und die Seite der Regierung möglichst ausgeglichen darzustellen. Hier werden hauptsächlich normale Menschen, vor allem aus dem Gebiet am Fuße der Pyramiden, gezeigt.

Wie kann man die aktuelle Situation in Ägypten beschreiben?
Es gibt weltweit keine Revolution, die innerhalb von einem oder zwei Jahren alle Ziele erreicht hat. Natürlich gibt es Erfolge. Weite Teile der Bevölkerung wurden politisiert, man informiert sich, ist misstrauisch gegenüber Autoritäten. Das ist erst einmal gesund. Aber keine Revolution kann Demokratie etablieren, ohne die wirtschaftliche Situation der Menschen zu verbessern. Die Menschen müssen fühlen, dass die Veränderung ihnen etwas gebracht hat. Genau dagegen wirken die  Kräfte des ehemaligen Regimes. Diese wollen, dass die Mehrzahl der Menschen revolutionsmüde wird. Dass die Leute keine Arbeit bekommen, dass alles teurer wird, um so dafür zu sorgen, dass das Volk beginnt, sich nach den Zeiten von Mubarak zu sehnen. Das heißt, die Revolution hat nicht in allererster Linie die Wunden geheilt, sondern jene gezeigt, die bisher verborgen geblieben waren. Nicht nur Mubarak, auch die Diktaturen davor – denn Sadat und Nasser waren ja auch keine Demokraten – haben das Land 60 Jahre lang politisch, intellektuell und ökonomisch heruntergewirtschaftet. Jetzt merken die Menschen endlich, dass sie eine Stimme haben, aber noch wissen sie nicht, wie sie diese einsetzen sollen.

Welche Wirkung hat NACH DER REVOLUTION auf Sie?
In manchen Passagen ist der Film ein bisschen aktivistisch, zuweilen auch pädagogisch, aber immer im künstlerischen Rahmen. Das bedeutet: Wenn die Aktivistin den Menschen erklärt, wozu die Revolution gut war, zeigt sie ihnen auf, dass man die Veränderungen nicht von einem einzigen Geschehen abhängig machen kann. Und dass sie sich auch langfristig schützen können, in dem sie Gewerkschaften gründen können, auch als Pferde-, als Kamelreiter. Das war pädagogisch, das war auch politisch, aber es ist im Rahmen geblieben. Für mich gibt der Film eine sehr gute Erklärung für die Psyche der Bevölkerung ab. Sehr interessant fand ich auch die Figur dieses Haj Abdallah, des Großgrundbesitzers auf diesem Areal. Ihm gehören die Häuser und viele der Geschäfte, die vom Tourismus leben. Solche Leute kenne ich. Das sind die kleinen Mubaraks, die nach wie vor voller Kraft und Macht sind, die auch das Schicksal ihrer Untertanen bestimmen können. Auch hier ändert sich etwas. Die Menschen wenden sich von diesen Figuren ab, wenn sie es sich leisten können. Denn leider müssen viele wegen ihrer Armut weiter unter den Fittichen solcher Menschen leben.

Erschreckend ist auch die Art, wie Freunde, Nachbarn und Kollegen mit Mahmoud nach den Ereignissen vom Tahrir-Platz umgehen. Ein sehr interessanter Aspekt. Er wird nicht verhöhnt, weil er ein Gegner der Revolution ist, sondern weil er vom Pferd gefallen ist, geschlagen wurde und dabei geweint hat. Das ist etwas, was in diesem Milieu der Pferde- und Kamelreiter gar nicht geht. Diese Menschen stammen meist nicht aus Kairo, sondern aus dem Süden des Landes, aus ländlichen Gebieten, wo Begriffe wie Männlichkeit und Ehre ganz oben stehen.

Und diese Prügeleien in der Schule? Können Sie so etwas auch bestätigen?
Ja, das ist leider so. Überhaupt wird in NACH DER REVOLUTION das Thema Gewalt sehr deutlich herausgestellt. Es gibt diese strukturelle Gewalt, die ganz oben beginnt und sich dann bis in die Familien fortsetzt. Eine Spirale, die beim Präsidenten beginnt.  Dieser unterdrückt die Menschen, die Menschen unterdrücken ihre Frauen, die Frauen unterdrücken ihre Kinder, und die Kinder prügeln sich gegenseitig in der Schule. Diese Kette der Gewalt ist in solch einem System durchaus üblich.

Auch eines der großen Kulturgüter des Landes, die Pyramiden, spielen in dem Film eine zentrale Rolle. Inwieweit ist Ägypten vom Tourismus abhängig?
Offiziell arbeiten 13 Prozent der Ägypter direkt in dieser Branche. Das klingt zwar wenig, aber das sind nur die Menschen, die in den Hotels und Reisebüros arbeiten und die direkten Kontakt mit Touristen haben. Hinzu kommen aber weitere 20 Prozent an Arbeitsplätzen, die damit unmittelbar zusammenhängen. Die Bauern, die ihr Gemüse an die Hotels liefern, die Leute, die Touristenschiffe bauen, Lieferanten, die Taxifahrer am Flughafen. Das bedeutet: Mindestens ein Drittel des Einkommens hängt direkt oder indirekt mit dem Tourismus zusammen. Und das ist auch gut für das Land. Aber man hat im Hintergrund des Filmes auch gespürt, wie man auf Touristen blickt. Auf der einen sind sie eine Einnahmequelle, auf der anderen Seite gibt es eine gewisse Distanz, so dass es schnell zu Missbrauch kommt.

Wie leben die Menschen in Nazlet El-Samman?
In diesem Gebiet lebt man wie in einer hermetisch abgeriegelten Gesellschaft. Leider hat es der Tourismus bis jetzt nicht wirklich geschafft, solche Milieus zu öffnen. Dadurch dass die Touristen täglich kommen und durch sie ein Auskommen hat, ist man von Kairo und dem restlichen Ägypten abgeschnitten. Die Leute dort wissen nicht, was in der Welt passiert. Aber meine Hoffnung ist – auch wenn das pathetisch klingen mag – dass der Tourismus in Zukunft „gesünder“ betrieben wird. Dass man den Touristen nicht nur als Goldesel sieht, sondern auch ein Austausch stattfindet. Die meisten der Reiter sprechen auch gut Englisch oder Deutsch. Aber natürlich haben wir es hier mit einer asymmetrischen Beziehung zu tun, weil diese Leute auf die Trinkgelder der Touristen angewiesen sind.

Wem kann der Tourismus helfen? Der Revolution oder den alten Mächten?
Beiden. Mit dieser Frage beschäftigen wir uns in Ägypten seit Jahren. Zum einen hilft der Tourismus den alten Geschäftsleuten, die unter Mubarak zu großem Reichtum gekommen sind, die die Hotels und die Touristenanlagen besitzen. Dadurch festigt man die alten Strukturen. Gleichzeitig schafft der Tourismus auch Arbeitsplätze. Und ein Job ist die erste Voraussetzung dafür, dass die Menschen zu denken beginnen. Neben den bereits angesprochenen asymmetrischen Beziehungen zwischen Kellnern und Touristen kommt es immer häufiger auch zu politischen wie sozialen Auseinandersetzungen. Und es ist wichtig, dass die Menschen nicht in Isolation verharren, sondern auch Kontakt und Vergleiche nach außen haben.

Wie schätzen Sie NACH DER REVOLUTION ein? Kann der Film etwas bewirken?
Yousry Nasrallahs Werk ist ein anspruchsvoller Film, der für die intellektuellen Ägypter gedacht ist, aber auch für die Menschen, die mit der Revolution eng verbunden sind. Denn Teile des revolutionären Lagers, und das zeigt der Film sehr gut, lebte in einer Blase. Diese Menschen kannten ihr eigenes Land nicht wirklich. Und der Film versucht, die unterschiedlichen Lager, die bisher nebeneinander her gelebt haben, ein bisschen näher zusammenzubringen. Das ist ein Aspekt, den ich auch in meinem Buch erwähne: Dass es die Revolution geschafft hat, dass sich Teile der Bevölkerung, die einander noch nie kennen gelernt haben, auf dem Tahrir-Platz zum ersten Mal getroffen haben, ob Islamisten, Oberschicht oder ärmere Leute. Und das ist aus meiner Sicht auch die größte Leistung der Revolution. Nicht, dass alles geändert wurde, sondern dass der innere Kulturkampf zum ersten Mal zugelassen wurde. Und zwar zwischen den archaischen Seiten der Gesellschaft und der modernen Fraktion, zwischen den Liberalen und den Islamisten, zwischen den Linken und den Konservativen.

Inwieweit haben die modernen Medien wie Facebook, YouTube und das Internet im Allgemeinen der Revolution geholfen, sie möglicherweise sogar beschleunigt?
Über Facebook redet heute kaum jemand mehr, aber ich halte die neuen Medien für extrem wichtig. Noch wichtiger als Facebook finde ich sogar YouTube, weil dadurch eine Gleichzeitigkeit von Bild und Ereignis stattfindet, was erstmalig in Ägypten war. Es wurden schon immer Menschen verhaftet und misshandelt. Man hat davon gehört. Aber diese Menschen hatten nie ein Gesicht. Erst die neuen Medien haben den Opfern ein Gesicht gegeben. Während der Revolution war zum Beispiel der Satelliten-Sender Al Jazeera einige Tage ausgeschaltet. Als er dann wieder auf Sendung war und Bilder von der Revolution von den Tagen zuvor zeigte, wo man sah wie die Polizei massiv gegen Demonstranten vorgeht, hat das die Stimmung noch einmal angeheizt, so dass am nächsten Tag wieder eine Million auf dem Tahrir-Platz waren.

Wie lange wird die Mauer, die Nazlet El-Samman von den Pyramiden trennt, bestehen?
Leider kennt die Diktatur keine Lösung außer Ausgrenzung, und Missstände zu verschweigen, in dem man die Augen einfach verschließt. Die Probleme der Menschen in diesem Gebiet hat man durch diese Mauer nicht gelöst. Natürlich ist es ein Problem, wenn eine Schar von Reitern auf Touristen losgeht. Das ist nicht gut für diese Region. Aber solange sich diese Menschen in den Händen von zwei, drei Menschen befinden, die alles besitzen und nach wie vor das große Geld machen, wird sich nichts ändern. Es gilt, für die kleinen Leute die am Tropf des Tourismus hängen, Lösungen zu finden. Und nicht, dass man sie hinter einer Mauer versteckt, damit die Urlauber dieses Elend nicht mitbekommen. Aber ich kenne keine Mauer der Welt, die ewig hält. Sogar die große chinesische Mauer ist mittlerweile nicht mehr als eine Touristenaktion.

Biografie Hamed Abdel-Samad

Hamed Abdel-Samad, geboren 1972 bei Kairo, studierte Englisch, Französisch, Japanisch und Politik. Er arbeitete für die UNESCO, am Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Universität Erfurt und am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur der Universität München. Abdel-Samad ist Mitglied der Deutschen Islam Konferenz und zählt zu den profiliertesten islamischen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Seine Autobiographie „Mein Abschied vom Himmel“ sorgte für Aufsehen (Knaur Taschenbuch 2010): „Was er von seinen Landsleuten erwartet, hat er selbst vorgemacht: Aufklärung durch Tabubruch.“  ZDF-Aspekte
© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), Hart aber fair - 2018-04-09-8849, CC BY-SA 4.0